Terra Alta. Eine Weinregion im Aufbruch.

Terra Alta bedeutet "hohes Land". Die D.O. Terra Alta liegt etwas südwestlich der D.O. Tarragona.

Deshalb empfiehlt sich das kleine, feine Landhotel "Villa Carmen" der Familie Brenner hervorragend als Basislager für unsere vinophilen Exkursionen. Das Hotel, eine alte Villa im Stil des katalanischen Modernismus liegt in den Orangenhainen von Alcanar und ist von einem schattigen, parkähnlichen Garten umgeben. Agnes und Haakon Brenner haben bei der renovierung des Kleinodes viel Fingerspitzengefühl bewiesen. Dieser Gründergeist ist allenthalben spürbar: in Alcanar selbst hat die junge Familie von Carmen Guillemot mit ihrem Restaurant "Taller de Cuina" -was man am besten mit "Küchenwerkstatt" übersetzt- Mut, aber auch Geschmack und Stil bewiesen. Das Restaurant befindet sich in einem wunderbar sanierten Stadtpalast in der Calle Colon in Alcanars Ortsmitte. Die Speisekarte ist dem Angebot des Marktes angepasst, wechselt täglich und präsentiert sich in einem mit viel Liebe handschriftlich geführten Buch, das dem Gast das große lukullische Vergnügen bereitet, in tagebuchähnlichen Einträgen in vergangenen Genüssen zu schwelgen.

Wenden wir uns aber nun unserem Ausflug in die D.O. Terra Alta zu:

Wenn man die Küste der nördlichen spanischen Levante bei der Mündung des Ebro Richtung Tortosa verläßt, versteht man den Namen der D.O. Terra Alta. Die Gebirgskette des Ports de Beseit zur Linken, die Sierra del Boix zur Rechten schlängelt sich die Carretera C 230 entlang des engen, fruchtbaren Tal des Ebro in eine zerklüftete Berglandschaft hinein.

Ebro

Tortosa’s schattige Altstadt lädt zum Bummeln ein und läßt Erinnerungen wach werden, wie Barcelonas Barri Gotic einmal vor der Sanierung ausgesehen haben mag. Besuchen sie die Markhalle.

Und die kleine "Pica-Pica-Bar" an der Placa Espanol, in man am frühen abend so gegen 19.00 Uhr eine stattliche Auswahl an köstlichen Tapas anbietet. Diese Appetithappen werden auf kleinen Tellerchen auf der gesamten Theke aufgestellt und der Gast bedient sich nach seinem Gusto. In jedem Tapa steckt ein Hölzchen, die man auf seinem Teller sammelt. Zum Abschluß der Schlemmerei werden alle Hölzchen gezählt und man zahlt um die 0,30 € pro Stück.

Gleich nebenan finden Sie Monclus Licors, einen hervorragenden Wein-, Spirituosen und Delikatessenladen, der auch große Flaschenkaliber wie Magnum und Doppelmagnum führt.

Nach einigen Kilometern auf der C-230 erreichen wir dann die D.O. Terra Alta mit ihren rund 10.000 Hektar Rebflächen. Die Reben werden hier extrem kurz geschnitten, um ein Maximum der Luftfeuchtigkeit aufnehmen zu können.

Hier wurden lange Zeit trockene oder süße, in jedem Fall aufgespritete "Rancio"-Weine, die teils auch mit Kräutern versetzt wurden, produziert. Bis heute wird die D.O. von Cooperativen dominiert, die über 90 % der Trauben keltern.

Die ungespriteten Weine der Region waren vollmundig und schwer und hatten mindestens einen Alkoholgehalt von 15%. Beinahe 80 % der bis zu 60 Jahre alten Weinstöcke dienten der Produktion goldgelber, körperreicher Weißweine hohen Alkoholgehaltes, wovon weniger als ein Drittel für Flaschenabfüllungen bestimmt war.

Die buquetreichen Rotweine wurden aus vor allem als Verschnitt der Rebsorten Macola, Garnatxa Negra und Garnatxa Peluda gekeltert.

Die Kellereiausstattungen waren veraltet. Die sinkende Nachfrage nach gespriteten Weinen und die überalterten Reben mit Erträgen von weniger als 11 hl/ha trugen ihr übriges zur Trostlosigkeit der Lage im Terra Alta bei.

Terra Alta gehört zu den jüngsten D.O.–Anbaugebieten Spaniens.

Es herrscht mediterranes Klima mit kontinentalem Einfluß (sehr heiße Sommer und kalte Winter)) bei rund 2800 Sonnenstunden im Jahr und 400 mm Niederschlag. Die Anbauflächen bestehen größtenteils aus Kalksandstein und tonigem Lehm. Auf diesem festen, tiefen und undurchlässigen Böden ist der Terassenanbau zu Füßen der Berge sehr verbreitet. Die D.O. liegt etwa 400 Meter über dem Meeresspiegel.

Der Consejo Regulador in Gandesa hat Ende der 80ziger Jahre drastische Maßnahmen ergriffen, um einen Wandel zu erzwingen. Der Rebbestand wurde grundlegend verändert mit dem Ziel, das Durchschnittsalter auf 20 Jahre zu senken und damit den Ertrag zu steigern, was beinahe zur Verdopplung der Erträge zwischen 1994 und 1999 führte. Die Weißweintrauben (hauptsächlich Garnacha blanca) wurden um über die Hälfte reduziert und

größtenteils durch Macabeo und Parellada ersetzt. Bei den roten Sorten setzt man jetzt auf Garnacha. Auch Cabernet Sauvignon fand seinen Einzug und wurde ebenso wie Tempranillo jüngst in die D.O. mit aufgenommen. Mittlerweile produziert man Dank erneuerter Kellertechnik leichtere Weine. Pedro Rovira, ein Winzer aus Gandesa leistete mit seinem neuen Stil Pionierarbeit.

Die Weine des neuen Terra Alta sind sowohl auf kommerziellem Sektor, wie auch qualitativ erfolgreich. Jung zu trinkende und fassgereifte Rotweine und frische, fruchtige Weißweine machen bereits von sich reden obwohl die D.O. auf dem deutschen Markt noch sehr unterrepräsentiert ist. Da Anfang der 90ziger Jahre nur drei von elf genossenschaftlichen und nur drei von dreizehn privaten Erzeugern in den zwölf Weinbaugemeinden Flaschenweine verkauften, wird hier auch künftig noch viel zu entdecken sein. Zwischenzeitlich existieren 45 Weingüter. Tendenz steigend.

Erste Station im Terra Alta ist der kleine Ort El Pinell de Brai, der nahe der C-230 liegt. Der Gaudi-Schüler und Architekt Cesar Martinell, dessen Bauten man im Terra Alta allenthalben begegnet, hat hier in den Jahren 1918 – 1922 für die Kellerei der Cooperativa eine Kathedrale des Weins geschaffen. Hier finden Sie eine kleine Möglichkeit der Degustation. Es werden Weine der örtlichen Cooperativa, aber auch Weine umliegender Genossen-schaften zur Probe und zum Kauf angeboten. Auch die Olivenöle lohnen versucht zu werden.

Gandesa

Zurück auf der C-230 sind es nur wenige Kilometer nach Gandesa. Auch hier hat Cesar Martinell das ursprüngliche Gebäude der Cooperativa entworfen. Für Degustationen hat man gegenüber ein sehr modernes, helles Gebäude errichtet. Hier kann man unter fachkundiger Beratung ebenfalls alle Produkte versuchen. Man produziert neben interessantem Wein (ein Cabernet Sauvignon "Varvall 96") auch Olivenöl und Essige höchster Qualität. Die Cooperativa verfügt über rd. 250 Barricas und bestellt rd. 850 Hektar Rebland. 98 % der Produktion bedient den spanischen Markt.

An der Hauptstraße im Ort weist ein Schild uns den Weg zur Kellerei Castell Bel Art. Die Kellerei wurde vor wenigen Jahren von dem Künstler Jordi, der auch an dem im Priorato ansässigen Weingut "La Conreira d’Scala Dei" beteiligt ist, und dessen Freund Gregori übernommen. Seit dem keltert man dort moderne Weine. Der Castell dels Fares 98 ist ein Resultat professioneller Arbeit mit moder-ner Produktion in Verbindung mit langer Erfahrung. Ein komplexer, harmonischer Wein aus Granacha, Cabernet-Sauvignon, Carinea und Merlot. Um 15 €.

Neben dem Weingut von Pedro Rovira, Pionier im Terra Alta finden Sie in Gandesa weitere innovative Weinbaubetriebe:

Das 1995 gegründete Weingut Agricola Fuster produziert seinen Dardell, einen Rotwein um 3,60 € aus 50 % Syrah und je 25 % Cabernet Sauvignon und Garacha, der eine Probe lohnt.

Bei Cellers Barbara Fores hat man mit dem "Coma d’en Pou Barbara Fores 97" einen wunderbar eleganten roten Crianza aus 45 % Cabernet Sauvignon, 30 % Syrah und 25 % Garnacha Tinta geschaffen, der nicht nur mit seinen 13,5 % Alkoholgehalt, sondern auch durch seinen Preis von gut 15, 33 € Selbstbewustsein beweist. Weine solchen Kalibers werden die Region zweifelsohne sehr positiv beeinflussen.

Von Gandesa aus führt uns eine kleine Landstraße die knappen 10 Kilometer nach Norden nach Vilalba dels Arcs. Dort wird eine Weinprobe bei der 1940 gegründeten Kellerei Cellers Vidal & Vidal empfohlen. Deren mächtiger rote "Iversus 99" aus Garnacha Tinta, Morenillo, Cabernet-Sauvignon, Merlot und Syrah ist nicht nur wegen seiner knappen 6.000 Flaschen und seines stolzen Preises von 33 €, sondern auch wegen seines Potentiales das Flag-schiff der Kellerei. Preiswerter ist da schon der ebenfalls Roter "Tossal de Vidal 99" der vom Alkoholgehalt etwas höher, von seinem Preis um 5,50 € aber weit unter dem Niveau des Iversus liegt.

Die im gleichen Ort ansässige Kellerei Celler de Xavier Clua wurde zwar erst 1995 gegründet, wartet aber auch schon mit beeindruckender Qualität auf. Hier keltert man 7.000 Flaschen vom Mil.lennium 98, einem Wein mit 13,5 % Alkohol aus 60 % Garnacha, 20 % Ull de Llebre, 15 % Cabernet-Sauvignon, 5 % Pinot Noir, der 2 Monate im Tank und anschließend 16 Monate im Barrica reift und für ca. 22 € zu haben ist. Senor Xavier Clua, der seine Weine unter strengen Kriterien aus aus eigenem, 15 – 50 jährigem Rebbestand keltert, hat mit seinem Mas Doen Pol 99, laut der spanischen Weinzeitschrift "Vino y Gastronomica" den besten spanischen Jungwein (Vino Joven) geschaffen. Der Wein, gekeltert aus Garanacha, Carinena und Cabernet-Sauvignon liegt um die 10 €.

Batea

Von Vilalba dels Arcs folgen wir der kleinen Landstraße nach Westen, die uns nach Batea bringt. Die Kellerei Vinos Pinol überrascht uns gleich mit zwei wunderschönen Rotweinen: der L’Avi Arrufi 98, eine schöne, elf Monate fassgereifte Crianza (französische Allier und Troncais Barriques) aus Cabernet-Sauvignon, Tempranillo und Gar-nacha (ca. 15 €) und der preiswertere Nuestra Senora Del Portal 99 aus den gleichen Rebsorten wie der große Bruder zu 7,20 €.

Die Cooperativa in Batea lohnt allemal den Besuch, zumal hier die Preise für offene Fassweine preiswert und die Qualität akzeptabel ist. Auch die Olivenöle können sich sehen lassen.

Batea     Batea

Von Batea aus orientieren wir uns nach Süden, zunächst Richtung Gandesa, richten uns dann aber nach der Beschilderung nach Bot. Dieser kleine, landwirtschaftlich geprägte Ort lebt von Wein- und Obstbau. Die ansässige Cooperativa bietet frische Produkte und die Möglichkeit einer Wein-Degustation. Den Wein prägt übrigens der uns schon aus Gandesa bekannte Xavier Clua maßgeblich mit, was man am Llàgrimes Tardor Negre Crianca 1999 der Cooperativa mit etwas geübter Zunge erkennen kann. Es handelt sich um eine Cuvee aus 60 % Garnacha negra, und jeweils 20 % Ull de Llebre und Carinena, ein Jahr in französischen Eichenbarriques ausgebaut.

Einen Höhepunkt der Rundfahrt bietet uns dann das weiter süd-westlich gelegene Horta de Sant Joan.

Hier hat Pablo Picasso einen Teil seiner Schaffensperiode verbracht. Er schätzte die guten Lichtverhältnisse des Ortes, in dem die Uhr im Mittelalter stehengeblieben zu sein scheint. Ein Spaziergang durch den historischen Ortskern ist ein Muß. An der Hauptstraße liegt der Gasthof Hostal Miralles, der ein preiswertes, außerordentlich gutes Mittagsmenue anbietet. Lassen Sie sich nicht durch die Tatsache abschrecken, daß das Restaurant von Reisebussen frequentiert wird. Vorzügliche Lamm- und Ziegenbraten, Steaks und Geflügel. Man serviert einen ordentlichen Vino de Mesa, der aus dem benachbarten Lledo von der Kellerei Bodegas F.J. Salvador stammt, wohin ein Abstecher lohnt. Die veraltete Kellerausstattung dieses Hauses machen die Preise für offene Weine wett, die hier noch im Bereich der ehemals für Terra Alta legendären 15 % Alkohol und auch darüber liegen. Im gleichen, winzigen Ort finden sie die Kellerei Bodegas Crial wo man zur Zeit in neue Technik investiert, die Weine aber nach wie vor noch preiswert und offen verkauft werden.

Von Horta de Sant Joan aus erreichen wir relativ schnell Prat del Comte, wo wir uns Richtung Tortosa halten. Nach einer kurzen, kurvigen Fahrt durch die grandiose Bergschlucht des Baranc de Xalamera stoßen wir kurz hinter Xerta wieder auf die C-230, die uns schnell wieder über Tortosa in die Küstenregion bringt.

Um die Topweine der Region kennen zu lernen muß man sich schon mühen und herumfahren. Der Gang in den Weinladen an der Ecke reicht nicht. Die Weinhandlungen führen bis auf wenige rühmliche Ausnahmen die hiesigen Spitzenweine nur sporadisch. Sie seien zu teuer, sagte man mir. Richtig teure Riojas und die hochgejubelten Trendweine des Ribera del Duero liegen aber allenthalben im Regal. Und damit bestätigt man mir die alte Lebensweisheit, daß das Wort des Propheten im eigene Land nicht zählt.

Hier lohnt sich allerdings eine Fahrt nach Vinarós, ein Fischerstädchen nur wenige Kilometer südlich von Alcanar: In der Calle Sant Vicent Nr. 11, gleich hinter der Gemeindeverwaltung im Ortskern, befindet sich Constantino "Tino" Giners Bodegita, in der große Weine mit kleinen Namen die Hauptrolle spielen. Der sympathische Tino legt viel Wert auf regionale Spitzenweine und kennt alle seine Winzer persönlich. Die Beratung ist professionell und eh’ man sich versieht, hat einen Tino einen über die schmale Gasse in eine geschmackvoll eingerichtete Probierstube die der Weinhandlung genau gegenüber liegt, zu einer "Degustation" bugsiert. Die Bodegita ist ab 19.30 Uhr geöffnet. Im Anschluß an einen Besuch bei Tino bietet sich ein Abendessen im schmucken Restaurant "Faro de Vinarós" im ehemaligen Leuchtturmwärterhäus’chen im Fischereihafen an, wo man allerdings erst mal an der Türe klingeln muß. Dort müht man sich um einen Michelinstern, der sicher nicht mehr all zu lange auf sich warten läßt.

Sicher, bequem ist das Reisen im Terra Alta nicht. Das wird jeder bestätigen, der hier in ein Unwetter erlebt oder sich einmal in einem der engen, unübersichtlichen Dörfern mit dem Auto verfahren hat oder gar in den engen Gassen steckengeblieben ist. Aber aus Sicht der Landschaft, des Weines und der gastronomischen Entdeckungen lohnen die Anstrengungen allemal.

Die Bewertung der Jahrgänge in der D.O. Terra Alta:

Jahrgang

Bewertung

2001

2000

Sehr gut

1999

Überragend

1998

Überragend

1997

Sehr gut

1996

Überragend

1995

Sehr gut

1994

Sehr gut

1993

Gut

1992

Sehr gut

1991

Sehr gut

1990

Gut

1989

Gut

1988

Überragend

Juli 2001

Thomas Hesele

Der Autor lebt in Aschaffenburg und Vinarós
und arbeitet derzeit an einem kulinarischen Reiseführer für die spanische Levante....

Kontakt: e-m@il: Thomas.Hesele@gmx.de

Photos: Rina Neuhaus